jenakolleg-Rundbrief im Februar 2010
Liebe Kunden und Freunde von jenakolleg!
Liebe Interessenten!
Frühling
Die Bäume im Ofen lodern.
Die Vögel locken am Grill.
Die Sonnenschirme vermodern.
Im übrigen ist es still.
Es stecken die Spargel aus Dosen
die zarten Köpfchen hervor.
Bunt ranken sich künstliche Rosen
in Faschingsgirlanden empor.
Ein Etwas, wie Glockenklingen,
den Oberkellner bewegt,
mir tausend Eier zu bringen,
von Osterstören gelegt.
Ein süßer Duft von Havanna
verweht in ringelnder Spur,
ich fühle an meiner Susanna
erwachende neue Natur.
Es lohnt sich manchmal, zu lieben,
was kommt, nicht ist oder war.
Ein Frühlingsgedicht, geschrieben
im kältesten Februar.
Joachim Ringelnatz (1883-1934)
Gewiss, noch ist Februar. Aber wir wissen auch, dass der März sehr nah ist. Bei uns vorm Haus an geschützter Stelle haben sich tatsächlich am letzten Freitag die Schneeglöckchen entschlossen, ins Freie zu treten. Aber nein…, natürlich ist dort vielmehr der Schnee verschwunden und die lang ersehnten Frühlingsboten haben nur darauf gewartet, endlich ans Licht zu kommen. So werden wir nun also auch bald wieder die wetterfesten Wanderschuhe herausholen und uns in das Rautal im Norden Jenas aufmachen, um dort das Heer von Winterlingen (Eranthis hyemalis) zu bestaunen, das auf einer Fläche von etwa 4,5 ha den Boden zwischen den grauen Buchenstämmen mit einem fast endlos scheinenden leuchtend gelben Teppich überzieht. Dieses Hahnenfußgewächs stammt eigentlich aus dem Mittelmeerraum und gelangte vermutlich im 17. Jahrhundert mit Weinstöcken nach Jena.
Ganz egal, was das Wetter in den nächsten Wochen mit uns vorhat: diese Blumenpracht lässt keinen Zweifel mehr daran, dass es Frühling wird. Auch dann nicht, wenn Joachim Ringelnatz das Ganze deutlich unromantischer angeht. Aber schließlich kann ein befreiendes Lachen oder doch zumindest ein freundliches Schmunzeln zum Frühling unbedingt dazu gehören.
Und weil uns nach diesem Winter, der uns beinahe an die richtigen Winter aus alter Zeit erinnerte, so sehr nach Frühling dürstet, haben wir uns entschlossen, speziell Ihnen als den Leserinnen und Lesern unseres Rundbriefes eine kleine Aufmerksamkeit mit in den Lenz zu geben: Wir werden nur für Sie die Frist des für einige Reisen offiziell am 28.02.2010 auslaufenden Frühbucherrabattes um 14 Tage, also bis zum 14.03.2010, verlängern. Vielleicht gibt es ja doch noch Kurzentschlossene, die dies gern in Anspruch nehmen möchten und sich nur aufgrund von Schnee und Eis bisher nicht trauten, sich anzumelden.
Die Reisen, um die es sich dabei handelt, sind Folgende:
Weil er nicht aufzuhalten …
Bachstätten in Thüringen - Reise vom 17. bis 21. Juli 2010
Auf dieser Reise wollen wir den lebendigen Spuren Johann Sebastian Bachs in Thüringen folgen und uns auf diese Weise der Entwicklung eines Genies nähern, dessen wirkliche Größe erst lange nach seinem Tode eine Würdigung erfuhr und dessen ungeahnter künstlerischer und spiritueller Reichtum wohl auch für zukünftige Generationen noch genügend Inspiration und Entdeckungsfreude bereithält.
Informationen und Buchungsmöglichkeiten unter: www.jenakolleg.de/bachstaetten-in-thueringen-reise-vom-17-bis-21-juli-2010.html
Weinlust und Weltkultur
Eine Reise nach Mähren vom 5. bis 11. September 2010
Auf dieser Fahrt nach Mähren entdecken wir eine Region unseres Nachbarlandes Tschechien als fruchtbare Gegend, die von Weinreben bedeckt ist, als Gegend lebendiger Volksbräuche, freundlicher Menschen, eindrucksvoller Naturschönheiten und geschichtsträchtiger Orte. Eine Region, deren Bedeutung weit über ihre Grenzen hinaus ausstrahlt. Wir werden auf unserer Reise immerhin sechs von zwölf der tschechischen UNESCO-Weltkulturerbestätten bewundern können. Hier wächst ein Qualitätswein, dessen Genuss jeden Weinkenner nicht nur anhand vieler Prädikate, die diese erlesenen, aber auch preiswerten Weine tragen, überzeugen wird. Mähren ist geprägt von einem jahrhundertelangen Nebeneinander tschechischer, deutscher, österreichischer, christlicher und jüdischer Einflüsse. In Mähren gibt es so vieles zu entdecken, was trotz einer geografischen Nähe des Landes vielleicht vielen von uns unbekannt ist - das dann aber mit Sicherheit zu Unrecht.
Informationen und Buchungsmöglichkeiten unter: www.jenakolleg.de/weinlust-und-weltkultur---eine-reise-nach-maehren-vom-5-bis-11-september-2010.html
Darüber hinaus möchten wir an dieser Stelle einfach noch einmal einen erhellenden Sonnenstrahl auf unseren Tagesausflug am Samstag, den 17. April 2010 lenken, der in erster Linie wohl für jene interessant sein wird, die in Jenas unmittelbarer Umgebung leben. Sollten Sie uns aber doch beim Frühlingserwachen begleiten wollen, obwohl Sie eine weitere Anreise haben, so sind wir gern bereit, Ihnen in Jena eine gute und kostengünstige Unterkunft zu organisieren.
Frühlingserwachen
Tagesausflug am Samstag, den 17. April 2010
Wir laden Sie ein, mit allen Sinnen das Frühlingserwachen zu erleben. Die ersten grünen Blätter an den Bäumen des Naturparkes Hainich lassen uns ahnen, dass die Natur auch in diesem Jahr wieder ihren uralten Gesetzen folgt, und im Japanischen Garten im schönen Bad Langensalza ist es die Zeit der zauberhaften Azaleenblüte, die einen zarten Farbenteppich dort ausbreitet, wo kurz zuvor noch die farbliche Zurückhaltung des Winters das Areal beherrschte. Freuen Sie sich mit uns auf einen Tag, dessen vielfältige visuellen und olfaktorischen Genüsse von wunderschönen Orgelklängen in der Kirche Divi Blasii in Mühlhausen, für die Johann Sebastian Bach persönlich die Orgeldisposition erstellte, gekrönt wird.
Informationen und Buchungsmöglichkeiten unter: www.jenakolleg.de/fruehlingserwachen---reise-vom-17-april-2010.html
Wir freuen uns auf den Frühling und auf Sie!
Damit die Wartezeit bis zur heiß ersehnten Blütenpracht nun noch angemessen überbrückt werden kann, dürfen natürlich auch unsere dezenten Hinweise auf Musik und Literatur nicht fehlen:
Musikalisches / CD-Tipp
Jetzt also nach Schneeglöckchen und Frühlingsgefühlen zu glockenhellen Stimmen und hochinteressanten Geschichten aus der Zeit des Barock. Cecilia Bartoli hat sich der Kunst der Kastraten und der eigens für diese zu Beginn ihrer Karriere sehr jungen Männer komponierten Werke angenommen. Auf ihrer CD Sacrificium, die uns wie ein kleines Buch mit hervorragend gestaltetem lexikalischem Anteil an die Hand gegeben wird, widmet sie sich in gekonnter Eleganz sowohl fast unbekannten Werken als auch legendären Kastratenarien des 18. Jahrhunderts. Der Titel, der von ihr selbst gewählt wurde, meint insbesondere das ungeheuerliche Opfer, dass von den Sängern für diese Form der Kunst gefordert wurde. Zudem aber ist diese CD auch eine Verbeugung vor der neapolitanischen Musik, die mit ihrer Einfachheit und volkstümlichen Melodik schon im Hochbarock den Weg für die Empfindsamkeit der Vorklassik ebnete. Sehen Sie, lesen Sie und hören Sie selbst: diese Aufnahme kann ohne Übertreibung als ein Gesamtkunstwerk gelten und genossen werden.
Sacrificium - La scuola dei castrati
Cecilia Bartoli, Il Gardino Armonico,
Ltg: Giovanni Antonini (Ltd. Edition Decca/Universal 4781521)
Lesen Sie dazu auch die Rezension in der Zeit: www.zeit.de/2009/42/M-Bartoli
Literarisches
Bei der Vorbereitung auf unsere oben erwähnte Bachreise ist uns wieder klar geworden, wie umfangreich und schier unübersehbar die Literatur über Bach ist. Soviel gewichtige und bedeutende Literatur über den großen Sohn Thüringens, von dem so wenig schriftliche Zeugnisse überliefert sind …
Wiederentdeckt haben wir einen der bedeutendsten Bach-Biographen des 20. Jahrhunderts – Albert Schweitzer (1875-1965). Dieser faszinierende Elsässer wurde vor allem als der legendäre Urwaldarzt von Lambaréné (heute Gabun) unvergesslich. Er war aber vor seinem Medizinstudium bereits ein ausgewiesener Theologe und Philosoph. Nebenher studierte er bei dem französischen Komponisten und Organisten Charles-Marie Widor (1844-1937) in Paris Orgel.
Übrigens ist es dem engagierten Wirken Schweitzers zu verdanken, dass bei der Orgel in der Bachkirche Divi Blasii in Mühlhausen die von Bach entworfene Disposition 1957 durch Schuke/Potsdam realisiert wurde.
Mit den Erlösen seiner geschätzten Orgelkonzerte in der ganzen Welt finanzierte er seine karitative Arbeit. Angeregt von Widor verfaßte er seine große Bach-Monographie (Johann Sebastian Bach, Leipzig 1908), die noch heute zu den Standardwerken der Bachliteratur zählt. jenakolleg besitzt einen Nachdruck vom Verlag Breitkopf & Härtel/Leipzig. Natürlich bestellt über www.zvab.com, dem großen Anbieter antiquarischer Bücher. Der Versand hat es sogar bis zu YouTube gebracht (www.zvab.com/showCompanyInformation.do).
Aus dem gewichtigen Werk Schweitzers (843 S.) nun ein Ausschnitt aus der Vorrede von Charles-Marie Widor:
Im Herbst 1893 stellte sich mir ein junger Elsässer vor und bat mich, mir auf der Orgel vorspielen zu dürfen. ″Was denn?″ fragte ich. ″Bach, selbstverständlich!″ antwortete er.
In den folgenden Jahren kehrte er regelmäßig, bald für längere, bald für kürzere Zeit wieder, um sich unter meiner Leitung im Orgelspiel zu ″habilitieren″, wie man zu Bachs Zeiten sagte.
Eines Tages - es war anno 1899 - als wir gerade bei den Choralvorspielen standen - gestand ich ihm, dass mir in diesen Kompositionen manches rätselhaft sei. ″So klar und einfach″, äußerte ich zu ihm, ″die musikalische Logik des Meisters in den Präludien und Fugen ist, so dunkel erscheint sie, sobald er eine Choralmelodie behandelt. Warum diese zuweilen fast übermäßig schroffen Antithesen von Gefühlen? Warum verwendet er zu einer Choralmelodie kontrapunktische Motive, die zu der ′Stimmung′ der Weise oft in keiner Beziehung stehen? … Woher all dies Unbegreifliche in dem Entwurf und der Durchführung dieser Phantasien? Je mehr ich sie studiere, desto weniger verstehe ich sie″ …
″Natürlich″, erwiderte der Schüler, ″muss Ihnen in den Chorälen vieles dunkel bleiben, da sie sich nur aus den zugehörigen Texten erklären″.
Ich schlug die Stücke, die mir am meisten Kopfzerbrechens gemacht hatten, vor ihm auf; er übertrug mir die Dichtungen aus dem Gedächtnis ins Französische. Die Rätsel lösten sich. Während der folgenden Nachmittage gingen wir sämtliche Choralvorspiele durch. Indem Schweitzer - er war der Schüler - mir eines nach dem andern erklärte, lernte ich einen Bach kennen, von dessen Vorhandensein ich vorher nur eine dunkle Ahnung gehabt hatte. Mit einem Schlage wurde mir klar, dass der Thomaskantor noch viel mehr sei als der unvergleichlich große Kontrapunktiker, an dem ich bisher hinaufgeschaut hatte, wie man an einer Kolossalstatue emporblickt, und dass in seiner Kunst ein Drang und ein Vermögen ohnegleichen sich bemerkbar machen, dichterische Ideen auszudrücken und Wort und Ton in Einheit zu bringen …
Zu guter Letzt soll nun, wie in einem unserer letzten Rundbriefe angekündigt, noch der Gewinner des von uns für die Beantwortung der Umfrage ausgelobten Preises benannt werden: es ist Herr Klaus-Jürgen Schlott aus Berlin. Ihm und allen, die sich daran beteiligt haben, sagen wir herzlichen Dank!
Bleiben Sie uns gewogen.
Mit frühlingshaften Grüßen
Ihr Wolfgang Bathe und Ihre Kerstin Preuß

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