jenakolleg Rundbrief im Januar 2009
Meine besten Wünsche zu dem neuen Jahre, und
noch einen herzlichen Dank für das verflossene, das mir durch Ihre
Freundschaft vor allen übrigen ausgezeichnet und unvergesslich ist.
Jena den 2. Jenner 95 Schiller
Viel Glück zum neuen Jahre. Lassen Sie uns dieses zubringen, wie
wir das vorige geendigt haben, mit wechselseitiger Teilnahme an
dem was wir lieben und treiben. Wenn sich die gleichgesinnten
nicht anfassen was soll aus der Gesellschaft und der Geselligkeit
werden. Ich freue mich in der Hoffnung dass Einwirkung und Vertrauen
sich zwischen uns immer vermehren werden.
W. d. 3 Jan 1795 G
Liebe Kunden und Freunde von jenakolleg!
Liebe Interessenten!
Das oben aufgeführte Zitat aus dem Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller möchte Sie einstimmen auf das Neue Jahr. Übrigens haben die Beiden nur an dieser Stelle ihres ausführlichen und langjährigen Briefwechsels ausdrücklich Wünsche zum Jahreswechsel ausgetauscht. Überwiegend arbeitsbezogene und wenig redundante Briefe bezeugen die außerordentliche Intensität der Dichterfreundschaft.
Nach dem mit zustimmendem Interesse aufgenommenen ersten Rundbrief jenakollegs im November 2008 möchten wir am Beginn des Jahres 2009 einen weiteren folgen lassen. Unsere neugestaltete Internetpräsenz steht nun fast komplett im Netz. Durch weitere Bildergalerien werden die Seiten noch sehenswerter. Auch das Team von jenakolleg kann nun in den Menüpunkten “Über uns“ und „Kontakt“ kritisch „beäugt“ werden.
Auf die im November veröffentlichten Reiseangebote reagieren Stammkunden und „Ersttäter“ sehr lebhaft und wir möchten Ihnen neben anderen Themen dieses Briefes gern eine weitere Mehrtagesreise empfehlen.
Sie widmet sich im Jahr des 250. Geburtstages Friedrich von Schillers in besonderem seiner Verwurzelung im mitteldeutschen Raum, vor allem in Jena und Weimar.
In einem Gedicht, entstanden im August/September 1795 in Jena mit Blick vom Griesbachhaus auf den Jenzig, der höchsten Erhebung in Jena, zeigt sich die enge Bindung Professor Schillers nicht nur an die Stadt und ihre Universität, sondern auch an die unverwechselbare Landschaft des mittleren Saaletales:
Der Spaziergang
Elegie
Sei mir gegrüßt, mein Berg mit dem rötlich strahlenden Gipfel,
Sei mir Sonne gegrüßt, die ihn so lieblich bescheint,
Dich auch grüß ich, belebte Flur, euch säuselnde Linden,
Und den fröhlichen Chor, der auf den Ästen sich wiegt,
Ruhige Bläue dich auch, die unermesslich sich ausgießt
Um das braune Gebirg, über den grünenden Wald …
Weitere jenakolleg - Reisen 2009
Friedrich Schiller – eine Reise anlässlich des 250. Geburtstages des Dichters
vom 25. bis 29. Juni 2009
Wir begeben uns anlässlich des 250. Geburtstages von Friedrich Schiller auf Spurensuche in Mitteldeutschland. Insbesondere Thüringen wurde nach seiner frühen Flucht aus der schwäbischen Heimat zu dessen Lebensmittelpunkt. Nicht nur Weimar, sondern auch Bauerbach, Jena, Rudolstadt, Meiningen sind entscheidende Stationen für die Person Schillers, deren Leben und Werk. Nähern Sie sich mit uns einem einzigartigen Menschen!
Weitere Informationen und Buchungsmöglichkeiten...
Neben den Mehrtagesreisen (Sie finden sie unter www.jenakolleg.de ) werden wir, wie im letzten Rundbrief angekündigt, Tagesausflüge unter dem Thema „Entdeckungen in Mitteldeutschland“ ab/bis Jena anbieten. Eine der Reisen veranstalten wir in Kooperation mit der Philharmonischen Gesellschaft Jena e.V., eine andere mit der Sparkasse Jena-Saale-Holzland. Sie stehen selbstverständlich allen Interessenten offen. Lassen Sie sich überraschen von der Vielfalt der mitteldeutschen Kulturlandschaft, die auch für uns immer facettenreicher und imposanter wird!
Entdeckungen in Mitteldeutschland – Tagesausflug nach Halle
am Samstag, dem 14. März 2009
“Halle is the most delightful town”
(Feininger am 29. Mai 1929 an seine Frau Julia)
Wir nehmen den spektakulären Neu- und Umbau der Moritzburg zu Halle zum Anlass, um nicht nur diese neue, würdige und inspirierende Heimstatt für wertvolle Gemälde und Plastiken des Spätimpressionismus und der Klassischen Moderne zu besuchen. Sondern wir werden bei diesem Ausflug weitere exklusive kulturhistorische Perlen der Stadt Halle kennen lernen, in der sich in den letzten Jahren so viel getan hat.
Weitere Informationen und Buchungsmöglichkeiten...
Entdeckungen in Mitteldeutschland – Tagesausflug nach Magdeburg
am Samstag, dem 4. Juli 2009
„In Rom, Athen und bei den Lappen, da spürt man jeden Winkel aus,
indes wir wie die Blinden tappen daheim im eignen Vaterhaus.“
Karl Simrock (1802-1876)
Wir laden Sie ein zu einer Tagesfahrt nach Magdeburg - die Stadt, die Otto der Große seiner ersten Frau Editha als Morgengabe schenkte. Neben großartigen Zeugnissen einer wechselvollen Geschichte, wie der Dom St. Mauritius und Katharina, der erste nach französischem Kathedralschema errichtete Kirchenbau in Deutschland, werden Sie an einem kurzweiligen Tag auch viele eher versteckte Schönheiten der Stadt erleben.
Weitere Informationen und Buchungsmöglichkeiten...
Entdeckungen in Mitteldeutschland – Lichtenstein und Augustusburg
Tagesausflug der Philharmonischen Gesellschaft Jena e.V.
am Sonntag, dem 09. August 2009
„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann
und worüber zu schweigen unmöglich ist.“
Victor Hugo
Wir begeben uns anlässlich des MDR-Musiksommers auf eine Reise für die Mitglieder der Philharmonischen Gesellschaft Jena - aber auch für Freunde und Interessenten - in den westsächsischen Raum, um dort Neues zu entdecken und Vertrautes wiederzufinden. Nicht nur ein stimmungsvolles Konzert auf Schloss Augustusburg, sondern auch Meisterwerke der Holzbildhauerkunst und andere interessante Expositionen werden diesem Tag ein unverwechselbares Gepräge geben.
Weitere Informationen und Buchungsmöglichkeiten...
Entdeckungen in Mitteldeutschland –
Tagesausflug zur Retrospektive anlässlich des 80. Geburtstages Werner Tübkes
und Musik in der ganzen Stadt im Rahmen der Mendelssohnfestspiele
am Samstag, dem 29. August 2009
„Die Wissenschaft ist der Verstand der Welt, die Kunst ihre Seele.“
Maxim Gorki
Ein außergewöhnlicher Tag erwartet Sie: Anlässlich des 80. Geburtstages von Werner Tübke besuchen wir eine großartige Retrospektive im Leipziger Museum der bildenden Künste, die das Lebenswerk dieses bedeutenden Künstlers der berühmten Leipziger Schule in bisher einmaliger Weise würdigt. Es ist ein Glücksumstand, an diesem Tag zugleich eine von Klängen durchwehte Leipziger Innenstadt vor dem Hintergrund des "Gewandhaustages" zum 200. Geburtstag Felix Mendelssohn Bartholdys erleben zu können...
Weitere Informationen und Buchungsmöglichkeiten...
Literarisches
Während mehrerer Reisen in das Eichsfeld, einer zu Unrecht vielerorts unbekannten Region zwischen Harz und Werra, Göttinger Senke und Thüringer Becken, besuchte jenakolleg einen kleinen, zauberhaften Ort. Ebergötzen liegt nur eine halbe Stunde östlich von Göttingen und beherbergt neben dem Europäischen Brotmuseum auch die Wilhelm-Busch-Mühle.
Wilhelm Busch (1832-1908), der vor allem als Humorist und Zeichner bekannte Autor, verbrachte den größten Teil seiner Kindheit in Ebergötzen bei seinem Onkel, dem protestantischen Pfarrer des Ortes. Mit dem Müllersohn Erich Bachmann verband ihn eine lebenslange Freundschaft, die ihn immer wieder in den Ort zurückkehren ließ. Die Mühle mit dem vorbeifließenden Bach und die beschauliche Fachwerkarchitektur haben ihn sehr wahrscheinlich zu vielen seiner unsterblichen Bildgeschichten inspiriert. Eine Führung durch die Mühle mit einer außerordentlich kenntnisreichen und urigen Führerin lässt die Erinnerung an die Streiche von Max und Moritz wieder aufleben…
Aber, Wilhelm Busch, eine der wirklichen Doppelbegabungen als malender Schriftsteller und schreibender Maler, hatte auch dunkle Seiten. Der Melancholiker, resigniert über den von ihm oft karikierten Typ des deutschen Spießers nach der gescheiterten 48er Revolution, hatte selbst etwas von den liebevoll-verächtlich gezeichneten Typen in seinen Geschichten. Mit einigen Gedichten möchte ich an ihn erinnern, auch wenn sein 100. Todestag just hinter uns liegt:
Die Selbstkritik hat viel für sich
Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich:
So hab ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.
Befriedigt
Er g'hört, als eines von den Lichtern,
Die höher stets und höher steigen,
Bereits zu unsern besten Dichtern,
Das läßt sich leider nicht verschweigen.
Was weiß man von den Sittenrichtern? -
Er lebt von seiner Frau geschieden,
Hat Schulden, ist nicht immer nüchtern -
Aha, jetzt sind wir schon zufrieden.
Zwei Jungfern
Zwei Jungfern gibt es in Dorf und Stadt,
Sie leben beständig im Kriege,
Die Wahrheit, die niemand gerne hat,
Und die scharmante Lüge.
Vor jener, weil sie stolz und prüd
Und voll moralischer Nücken,
Sucht jeder, der sie nur kommen sieht,
Sich schleunigst wegzudrücken.
Die andre, obwohl ihr nicht zu traun,
Wird täglich beliebter und kecker,
Und wenn wir sie von hinten beschaun,
So hat sie einen Höcker.
Immer wieder
Der Winter ging, der Sommer kam.
Er bringt aufs neue wieder
Den vielbeliebten Wunderkram
Der Blumen und der Lieder.
Wie das so wechselt Jahr um Jahr,
Betracht' ich fast mit Sorgen.
Was lebte, starb, was ist, es war,
Und heute wird zu morgen.
Stets muß die Bildnerin Natur
Den alten Ton benützen
In Haus und Garten, Wald und Flur
Zu ihren neuen Skizzen.
Glückspilz
Geboren ward er ohne Wehen
Bei Leuten, die mit Geld versehen.
Er schwänzt die Schule, lernt nicht viel,
Hat Glück bei Weibern und im Spiel,
Nimmt eine Frau sich, eine schöne,
Erzeugt mit ihr zwei kluge Söhne,
Hat Appetit, kriegt einen Bauch,
Und einen Orden kriegt er auch,
Und stirbt, nachdem er aufgespeichert
Ein paar Milliönchen, hochbetagt;
Obgleich ein jeder weiß und sagt:
Er war mit Dummerjan geräuchert!
Musikalisches
Bei einem Tagesausflug mit Mitgliedern der Philharmonischen Gesellschaft Jena e.V. (für alle Interessenten offen!) werden wir u.a. auf Schloss Augustusburg ein Konzert mit dem MDR Sinfonieorchester im Rahmen des MDR Musiksommers erleben. Auf dem Programm steht auch das Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 g-Moll op. 26 von Max Bruch (1838-1920). Das Werk, zwischen 1866 und 1868 entstanden, ist sein einziges Werk von Weltgeltung.
Besonders reizvoll ist für mich die Aufnahme zweier zum Standardrepertoire jedes Violinvirtuosen gehörenden Werke (neben Bruch das Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64 von Felix Mendelssohn Bartholdy) mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung Herbert von Karajans mit der siebzehnjährigen Anne-Sophie Mutter (Deutsche Grammophon 400031-2).
Historisches
Nach einer ganzen Welle von Veröffentlichungen, Fernseh- und Kinofilmen über den Deutschen Widerstand gegen Hitler habe ich mich an eines der für mich beindruckendsten Bücher zu dem Thema erinnert.
Es beschäftigt sich auf eine sehr ehrliche und schmerzhafte, völlig uneitle Art mit dem Leben des Vaters der Autorin, Hans Georg Klamroth, sowie ihrer in Halberstadt beheimateten Familie. Wibke Bruns (*1938) hat an ihrem Buch „Meines Vaters Land: Geschichte einer deutschen Familie" (erschienen 2004, ISBN 3430115711, Tb 3548367488/9,95 €) über zwanzig Jahre gearbeitet. Eine der ergreifendsten Passagen steht am Schluss des Buches:
„... Doch, ich will hinsehen. Ich will dabei sein, wenn HG stirbt. 20 Minuten sind länger als die Hölle. Ich will ihm sagen, er ist nicht allein, auch nach 60 Jahren nicht. Hier bin ich, die ihn begleitet hat durch sein ganzes Leben, und ich lasse ihn nicht los. Ich hätte gern mit dir gelacht, HG, deinen Witz genossen und deine Wärme, die jeden betörten. Ich wünsche mir eine lebendige Erinnerung an dich: Wie hast du gerochen, und hat dein Bart schlimm gekratzt? Ich hätte gern die Chance gehabt, dich zu lieben. Ich habe dich bestaunt in deiner Verschrobenheit als junger Mann, ich finde dich wunderbar wegen der guten Jahre mit Else, ich kann nicht verstehen, wie du den Nazis hast anheimfallen können. Es war nicht meine Zeit. Ich bin wütend auf dich wegen der Demütigungen, die du Else zugefügt hast, und ich finde dich, den Mann, deswegen lächerlich. Vielleicht sollte ich weniger anmaßend sein. Ich bin verstört über das, was ich als deine Gleichgültigkeit verstehen muß gegenüber dem Schicksal der Juden, der Zwangsarbeiter, der Geisteskranken, der Häftlinge in den KZs, Himmlers „Untermenschen“ in den besetzten Gebieten. Habe ich dich missverstanden, weil du nie etwas gesagt hast? Jetzt stirbst du als „Untermensch“. Sie haben dir den geistlichen Beistand versagt, um den du gebeten hast. Doch du hast deinen Ölberg hinter dir und du bist ein Held in deinem Tod. Dein Leben lag in einer fürchterlichen Zeit, und wenn es denn für die Kinder besser werden sollte, das ist gelungen. Du hast den Blutzoll bezahlt, den ich nicht mehr entrichten muß. Ich habe von dir gelernt, wovor ich mich zu hüten habe. Dafür ist ein Vater da, nicht wahr? Ich danke dir.“
Gern empfehlen wir Ihnen, sich mit oder ohne uns auf Spurensuche in Halberstadt zu begeben. Diese im Krieg so geschundene Stadt ist eine Reise wert, nicht nur wegen des Domes mit seinem einmaligen Domschatz und der romanischen Liebfrauenkirche.
Bleiben Sie uns gewogen.
Herzlich,
Ihr Wolfgang Bathe und Ihre Kerstin Preuß

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